Widad Nabi und Sjón als Entdeckungen auf dem Berliner Lyrikmarkt

Dieses Jahr waren es vor allem zwei Namen, die dem Lyrikmarkt am letzten Juniwochenende in der Akademie der Künste in Berlin für mich ihren Stempel aufdrückten: die in Kobanê geborene und vor dem Bürgerkrieg in Syrien geflohene Widad Nabi und der Isländer Sjón. Fasziniert Widad Nabi vor allem durch eine geschickte Verflechtung von Alltagsbeobachtungen mit weltpolitischen Betrachtungen, beeindruckt Sjón besonders durch eine ungewöhnliche poetische Sprache.

Leider war die den einzelnen Vortragenden zur Verfügung stehende Zeit äußerst knapp bemessen. Sehr viel mehr konnte man von Sjón zwei Tage vorher auf einer Lesung zusammen mit dem Norweger Øyvind Rimbereid im Felleshus der Nordischen Botschaften hören. Das Naheliegendste, einfach in den nächsten Buchladen zu gehen, bringt dagegen wenig.

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In Deutschland zu unrecht kaum bekannt: der chilenische Lyriker Gonzalo Rojas

Gonzalo Rojas gilt zwar als einer der bedeutendsten lateinamerikanischen Lyriker der Gegenwart, in Deutschland allerdings ist sein Namen bislang nahezu unbekannt. Dazu hat auch beigetragen, dass seine wenigen bisher ins Deutsche übersetzten Bücher bereits seit Jahren nur noch antiquarisch erhältlich sind. Doch mit der Anthologie »Atemübung« könnte sich das jetzt ändern.

Auf 240 Seiten versammelt der in der Edition Schwarzdruck erschienene Band, wie es im Untertitel heißt, »Gedichte aus sieben Jahrzehnten«. Die meisten sind für diesen Band erstmals übersetzt worden.

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Erstmals in Deutschland zu sehen: die Künstlerbücher der Purgatory Pie Press aus New York

In den USA gehören Dikko Faust und Esther Smith mit ihrer Purgatory Pie Press längst zu den bedeutendsten Schöpfern von Künstlerbüchern, in Deutschland sind sie dagegen bislang nahezu unbekannt. Eine Ausstellung in der Galerie Eremitage in Gransee bei Berlin bietet jetzt zum ersten Mal die Gelegenheit, ihr künstlerisches Schaffen kennenzulernen.

Dikko Faust und Esther Smith waren Marc Berger bereits 1995 bei einem New-York-Besuch aufgefallen, als es ihn in der amerikanischen Metropole in eine Buchkunstausstellung verschlug. Aus den vielen technisch und künstlerisch eher unbefriedigenden Werken stachen die Arbeiten der Purgatory Pie Press wie ein Lichtpunkt heraus. Der 40. Jahrestag der Gründung der Purgatory Pie Press bot jetzt eine gute Gelegenheit, sie endlich nach Deutschland zu holen.

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Klein, aber fein: Heinz Marohns Gedichtband »Spring Quelle spring, mich dürstet«

Gerade einmal 64 Seiten zählt Heinz Marohns Gedichtband »Spring Quelle spring, mich dürstet«. Marohn war vor allem Historiker. Bekannt wurde er vor allem durch seine gemeinsam mit dem Historiker Eberhard Czichon veröffentlichten Sachbücher über die »DDR im Perestroika-Ausverkauf« und über den 1944 von den Nazis ermordeten KPD-Vorsitzenden Ernst Thälmann. Seine Gedichte erschienen erst postum 2017, zwei Jahre nach seinem Tod.

Viele Gedichte sind politisch. Es geht um den Nahen Osten, um den Frieden, der »kein Geschenk, weder des Himmels noch von Menschen« ist, sondern aus »aktivem Handeln« kommt, um die »Abermillionen Toten und Geschädigten aller Kriege«, um das Einmischen gegen Unrecht. Noch häufiger allerdings schreibt Marohn über die Liebe, eine Liebe »Hoffend auf Wiederkehr«, zwischen »Erwartungen« und »Enttäuschung«, so wie in seinem Gedicht »Mein Traum«:

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Martin Amstutz’ »Wochenblätter« in der Galerie Eremitage

Auf den ersten Blick könnte man denken, es handele sich tatsächlich um die Titelseiten einer Zeitung. Immerhin prangt auf ihnen in großen Lettern gedruckt »Wochenblatt«. Tritt man näher, liest man Nummern wie 103, 124, 135, 166, 234, 276, 311, 471, 585 oder 655, die auf eine traditionsreiche Wochenzeitung hindeuten. Selbst ein ausführliches Impressum fehlt nicht.

Eines allerdings lässt einen bald stutzig zu werden: Für eine Zeitung sehen viele Titelseiten viel zu experimentell aus. Da gibt es nicht nur Schlagzeilen, Berichte und kurze Meldungen, sondern mitten über den Text ist beispielsweise fett »13 Stühle«, »Rudovous – Käptn Rotbart reitet wieder«, »13. Februar folgt grüner Katze zum Glück« oder »Plan P läuft« gedruckt. Oft sind die Aufdrucke auch in anderen Sprachen: tschechisch, russisch, englisch.

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